Die bewohnerfreundliche Gartengestaltung
(Teil eins von zwei - Lebensraum schaffen)
So, da habe ich den Salat! Ich sitze vor der Tastatur und weiß nicht wo anfangen. Das Thema ist sooooo... hach… eigentlich doch ganz einfach.
Also das Thema an sich – beim Schreiben darüber einen Anfang zu finden allerdings weniger.
Ich schreibe wie ich darüber denke. Dabei gibt es nicht unbedingt ein richtig oder falsch – es gibt nur ein funktioniert und funktioniert nicht.
Fangen wir mal damit an was nicht funktioniert, das ist schneller erledigt 😉
NICHT funktionieren z.B. komplett aufgeräumte Gärten mit fein gestutzten Rasenflächen, ordentlich angelegten Beeten die ausschließlich mit nicht heimischen Arten bepflanzt sind (dahin verirrt sich auch einmal ein Insekt, das fällt dann aber nicht unter die Kategorie „lebendiger Garten“) und steril einheitlichen Lorbeer- oder Thujahecken. Also alles was den deutschen Stereotyp ausmacht.
Dahinein braucht man auch keine Nisthilfe stellen. Ihr kauft euch auch kein Haustier und schickt es zum Fressen zum Nachbarn, oder!?
Zu dem, was man landläufig unter „Schottergarten“ versteht gibt es für mich nur eine ganz kurze Aussage: Das sind keine Gärten! Man sollte sie als „Schotterflächen“ bezeichnen, das wäre stimmiger.
Jetzt zum einfachen aber unglaublich umfangreichen Teil. Ich versuche nicht zu weit auszuholen, ansonsten wird es kein Blog-Beitrag sondern ein Buch. Stört euch also bitte nicht daran wenn ich nicht explizit auf ein bestimmtes Tier hinweise oder eingehe (oder zu wenig eingehe). Es würde den Rahmen sprengen.
Um euren Garten interessant für Tiere zu machen solltet ihr Ihnen zwei Sachen anbieten: Passenden Lebensraum und passende Nahrungsquellen. Lebensraum zu schaffen ist dabei recht einfach, da sich die benötigten Strukturen für viele Arten decken oder überschneiden.
Alle Tiere sind sich in einer Sache einig – sie benötigen Unterschlupf. Zum Schlafen, sich verstecken, sich darin auf zu halten und auch zum Überwintern. Da es in der Natur keine „Häuser“ gibt werden hier dichtere Strukturen benötigt. Heißt in der natürlichen Umgebung z.B. Staudensäume/Hochstaudenfluren die das ganze Jahr über stehen bleiben, Hecken die dicht ineinander wachsen, Unterholz und „Gestrüpp“, Totholz welches liegen bleibt oder Stein- und Geröllhaufen bei denen die entstehenden Hohlräume genutzt werden.
Für den Garten würden das bedeuten:
- Mäuselöcher zulassen. Sie werden nicht nur von Mäusen bewohnt, auch Reptilien und Amphibien ziehen sich hier gerne zurück.
- Stauden (auch Gräser) erst kurz vor dem Neuaustrieb im Frühjahr (nicht schon im Herbst!) zurückschneiden. Hier verstecken sich gerne Insekten.
- Wiesen nur ein bis zwei Mal im Jahr mähen. Ihr fördert dadurch nicht nur die Artenvielfalt der Pflanzen (und damit gleichzeitig auch der Insekten) – die untere Krautschicht der Wiese stellt einen riesigen Lebensraum dar!
- Hecken sind grundsätzlich schon einmal gut und richtig. Hierzu später mehr…
- Unterholz und Gestrüpp lassen sich beispielsweise durch einen Totholzhaufen oder eine Benjeshecke nachahmen. Ihr dürft natürlich auch mehrere anlegen oder beides umsetzen 😊
- Totholz kann auch im Garten liegen oder stehen bleiben. Dafür müsst ihr keinen ganzen Baum zu euch holen (dürft ihr aber gerne), es reichen Äste, Stammabschnitte oder Baumstümpfe. Wenn ein alter Baum bei euch abstirbt, lasst ihn stehen. Wenn euch das „Skelet“ stört, lasst etwas daran hoch wachsen. Wie z.B. eine Waldrebe, Ramblerrose (ungefüllt bitte), Hopfen, Geißblatt… Es gibt so viele Möglichkeiten.
- Steinhaufen (oder auch -häufchen) anlegen. Am Besten mit „Keller“, also ein Stück weit in den Boden hinein reichend (ca. 60-80cm), dann können hier auch Reptilien und Amphibien überwintern.
- Wo ihr eine Umzäunung, Abtrennung, etc. benötigt – greift auf Holz oder Natursteinmauern zurück. Das Holz wird evtl. wieder als Totholz angenommen und in den Spalten der Natursteinmauern finden (je nach Größe) Eidechsen und Insekten einen Unterschlupf.
Damit habt ihr sogar schon einen Großteil der nächsten Voraussetzung erfüllt. Zum Lebensraum gehören auch Nistgelegenheiten!
Wer nimmt unsere Gärten normalerweise auch zum Nisten an? Insekten, Vögel, Kleinsäuger wie z.B. Mäuse, Bilche, Fledermäuse und Igel, Amphibien wie z.B. Frösche, Kröten und Molche und evtl. noch das ein oder andere Reptil.
Wir arbeiten uns von unten nach oben durch. Auch hier gibt es die eine oder andere Überschneidung…
- Es gibt viele bodennistende Insektenarten die sich jedoch dahingehend unterscheiden ob sie in horizontalen oder vertikalen Flächen nisten und welche Bodenbeschaffenheit sie benötigen/bevorzugen. Helfen könnt ihr ihnen indem ihr Stellen zulasst, die bewuchsfrei sind und das auch bleiben dürfen. Gilt übrigens auch für sandige Fugen in gepflasterten Flächen.
- Mit dem Anlegen von Natursteinmauern könnt ihr einen Teil der Insekten unterstützen, die vertikale Flächen benötigen. Sie graben sich gerne in die Mauerfugen um dort ihre Brutgänge anzulegen.
Der neuste „Trend“ sogenannte Sandarien anzulegen ist umstritten. Die Insekten sind normalerweise an die Böden der Region angepasst, in der sie vorkommen. Ausführlich darüber nachlesen könnt ihr auf der Website von Herrn Paul Westrich. Ich halte nichts davon einfach bei ihm ab zu schreiben - und er erklärt es hervorragend.
- Auch für Reptilien wird oft empfohlen entsprechende Sandflächen an zu legen. Haben wir nicht – aber wir haben massig Eidechsen und auch einen ordentlichen Blindschleichenbestand! Das liegt wahrscheinlich daran, dass viele Reptilien ihre Eier in Erdlöchern oder Komposthaufen ablegen. Hier hilft ein nicht verdichteter Boden mit wenig Bewuchs in sonniger Lage und ein Komposthaufen der ab ca. mitte Mai zwei Monate lang in Ruhe gelassen wird. In Ruhe gelassen heißt konkret: nicht umschichten oder Kompost entnehmen, nicht drin rum stochern, keine Massen oben drauf packen und/oder drauf rum hüpfen. Das kleine Komposteimerchen aus der Küche darf nach wie vor oben drauf.
Blindschleichen sind im Übrigen lebendgebärend, brauchen also definitiv keine Sandfläche zur Eiablage, begrüßen aber sicher das ein oder andere Versteck damit sie ihre Ruhe haben.
- Mäusenester werden nicht nur von den Mäusen selbst genutzt, auch verschiedene Hummelarten besiedelt diese gerne. Oder sie nisten überirdisch z.B. in der Krautschicht von Wiesen. Hier „weben“ sie sich ihre Nestkugel aus Moos, Gras, Haaren, etc. Diesen Hummelarten kann man auch mit einer Nisthilfe wie unserer „Hummel-Villa“ eine Alternative anbieten.
- Ein Teich oder eine Wasserstelle dient vielen Tieren nicht nur zum Trinken oder Baden. Molche, Frösche und Kröten legen im Wasser, an verschiedenen Pflanzen, ihren Laich ab. Libellen und andere Insekten nutzen diese ebenfalls hierfür.
- Zurück zur Wiese und zu den Stauden. An Stängel und Blattunterseiten legen unterschiedlichste Insekten gerne ihre Eier ab. Also auch hier wieder: bitte nicht zurückschneiden oder zu früh mähen!
- Wir bleiben bei den Pflanzen: markhaltige Stängel. Wichtiges Thema!!! Viele Insekten legen ihre Eier darin ab oder überwintern hier auch teilweise selbst. Zu den Pflanzen mit markhaltigen Stängeln gehören z.B. Königskerzen, Brombeeren, Himbeeren, Heckenrosen, Disteln, Sonnenblumen…
Dafür sind zwei Sachen zu beachten:
- In der Natur wachsen diese Pflanzen senkrecht! Waagrechte Stängel werden selten besiedelt. Also lasst die Pflanzen entweder stehen (wo sie euch nicht stören ist das die beste Lösung) oder bringt die Stängel irgendwo an wo sie zwei bis drei Jahre bleiben können.
- Wenn die Stängel besiedelt werden benötigen die Larven mindestens ein Jahr bis zum Schlupf. Es kann aber auch mal zwei Jahre dauern! So lange müssen die Stängel stehen bleiben.
Wir halten es bei uns ganz einfach – was uns nicht im Weg ist bleibt an Ort und Stelle bis es von selbst umfällt. Dann kommt es auf den Totholzhaufen und darf ganz natürlich verrotten. Die restlichen Stängel werden an unseren Zaun gebunden bis sie zerbröseln, dann kommen sie ebenfalls auf den Haufen. Auf diese Weise haben auch noch evtl. Nachzügler die Chance zu schlüpfen.
- Gleiches gilt für Totholz. Es gibt unzählige Insektenarten die davon abhängig sind. Sie nagen selbstständig Gänge hinein und/oder nutzen bestehende Fraßgänge anderer Bewohner. Und auch hier bitte beachten: Liegen lassen. Am Besten so lange bis es von selbst auseinander fällt.
Noch etwas zum Totholz! Bedenkt bitte, dass auch Balken, Dielen, etc. (also jegliches Holz das keine Wurzeln mehr hat) in der Natur unter Totholz läuft. Auch hier können Insekten siedeln. Falls ihr also feststellt, dass z.B. ein Balken eurer Terrasse besiedelt wurde – tauscht den Balken nicht einfach aus und entsorgt ihn. Legt ihn in den Garten und gebt ihm so einen zweiten Nutzen.
- Von Zweibeinern geschaffene Nisthilfen – wie z.B. unsere Wildbienen-Nisthilfen, können zur Unterstützung der Insekten aufgestellt werden, die vorhandene Hohlräume besiedeln. Im Normalfall findet man genau diese Arten in Totholz, kleinen Ritzen und Löchern von Fugen alter Gebäude und Mauern, etc.
- Nistkästen für Vögel sind wohl immer noch die gängigsten Nisthilfen. Aber auch hier gibt es ein paar Punkte zu beachten. Eine Stange vor dem Einflugloch ist auch gleichzeitig eine Ansitzstange für mögliche Räuber. Aus dem gleichen Grund sollte das Dach einer Nisthilfe einen bestimmten Überstand haben. Im Boden des Nistkastens sollten sich Löcher zur Durchlüftung und gegen Feuchtigkeit befinden. Es gibt Empfehlungen wie hoch der Nistkasten aufgehängt werden sollte… Zudem gibt es verschiedene Kästen für verschiedene Vogelarten mit unterschiedlichen Nistgewohnheiten. Also auch hier gilt es sich vorher ein bisschen zu informieren!
Die Nistkästen werden aber nicht nur von Vögeln genutzt. In manchen Regionen und mit ein bisschen Glück können auch Bilche (Siebenschläfer, Haselmaus, Garten- und der sehr seltene Baumschläfer) die Nistkästen als Schlafquartier und/oder zum Überwintern nutzen.
Und auch verschiedene Hummelarten gehen in Vogelnistkästen. Auch sie lassen sich evtl. in unsere Hummel-Villa locken. Gerade die Baumhummel mag jedoch höher gelegene Nistplätze.
- Nistgelegenheit und Lebensraum Hecke. Also eine richtige Hecke – aus verschiedenen, am Besten heimischen Gehölzen (mit kleinen Ausnahmen). Am liebsten schön wild, dicht, teilweise stachelig und laubabwerfend. Darin (und darunter) steppt der B…ilch 😉, Igel, Vogel bzw. Vögel, Insekten sowieso…
Ja, dafür ist nicht in jedem Garten Platz. Es gibt aber auch verschiedene klein bleibende oder Zwergsträucher mit denen man schon etwas anfangen kann.
Eine kleine Auswahl für die große Hecke: Weißdorn, Schlehe (bildet Ausläufer), Holunder, Eberesche, Haselnuss, alle Wildrosenarten, Liguster, Pfaffenhütchen, Faulbaum oder Kreuzdorn (je nach Standort), Kornelkirsche, Berberitze.
Letztere ist ein super fieses, stacheliges „Mistding“ in das garantiert keine Katze freiwillig rein klettert!
Und noch eine kleine Auswahl für die kleine Hecke: Beerensträucher allgemein (verschiedene Johannisbeeren, Stachelbeere, Himbeere, Brombeere…), Berberitze gibt’s auch als kleine Wuchsformen, Zwerg-Felsenbirne, Zwerg-Sanddorn. Je nach Region würde sich z.B. auch Rosmarin eigenen - bei uns wird er gut 1,50m hoch. Außerdem gibt es viele langsam wachsende Sträucher, die sich durch regelmäßigen Rückschnitt klein halten lassen.
Bestimmt habe ich nicht an alles gedacht, da aber die Gewohnheiten vieler Tiere sich ähneln dürfte damit das Meiste abgedeckt sein.
Damit hätten wir das Thema Lebensraum. Weiter geht’s, im zweiten Teil, mit den Nahrungsquellen…